muttertod. gott verdammter alkohol.

prolog. die geschwister.

die schwester
schock. starre. in die man
fällt.
wenn plötzlich. ganz plötzlich.
jemand

der bruder
ein wichtiger mensch

die schwester
ein wichtiger mensch ja.
plötzlich nicht mehr da

der bruder
weg

die schwester
weg
ja.

der bruder
und vorher das ganze hundertmal durch

die schwester
dacht. weil der

der bruder
dieser geliebte mensch

die schwester
sich selbst nicht so geliebt. wie du

der bruder
wie du ihn.

die schwester
von natur aus diese liebe. ganz natürlich

der bruder
weil es ja der mensch in dem du

die schwester
von dem du

der bruder
in die welt

die schwester
hereingeherzt wurdest

der bruder
eher geschleudert. in diese scheiß welt.

die schwester
sag das nicht.

der bruder
ist doch eine scheiß welt. bitte.

die schwester
sei nicht so.

der bruder
bin so.
der mensch. den du so natürlich liebst

die schwester
liebtest.

der bruder
ja jetzt liebtest.
nein.
noch liebst. liebe.
die
stirbt nicht. stirbt nicht mit dem menschen.
nein.
die liebe.
ich also liebe noch

die schwester
diesen menschen. den man von natur aus.

der bruder
du ja nicht so.

die schwester
jetzt nicht. später.
jetzt hier.

der bruder
also der mensch. den du. ich von natur aus wohl am meisten von allen menschen die einem im leben.
keinen anderen menschen wirst du je so. lieben. wie diesen.

die schwester
die mutter.

der bruder
die mutter. ja.

die schwester
darum der schock so groß.
trotzdem

der bruder
trotzdem es absehbar.
weil wie gesagt. der mensch

die schwester
die mutter

der bruder
unsere mutter.

die schwester
sich selbst nicht so geliebt wie uns.

der bruder
und sich in den

die schwester
tod

der bruder
ja

die schwester
na sag's doch!

der bruder
ja!
in den tod

die schwester
gesoffen. ja!

der bruder
in den tod gesoffen.

die schwester
weil sie selbst sich nicht mehr liebte.

der bruder
hatte ja kein leben mehr.
würd es nicht mehr als leben bezeichnen.
wenn man nur noch für jemand anderen.

die schwester
für dich. seien wir so ehrlich

der bruder
für mich. ja. gott. war ich halt das lieblings.

die schwester
und ich das obligatorische.
und stehen beide gleich blöd da
jetzt

der bruder
als waisen.

die schwester
vollwaisen, ja.
ohne mutter
ohne vater.

der bruder
ich mein. sie hat. sie haben. mich ja noch nicht fertig gesehen.
so fertig im leben stehend. weil so jung.

die schwester
reiß dich zusammen.
bist halt am arsch. jetzt.
warst jetzt die längste zeit ein wunsch

der bruder
kind. ja ich weiß. brauchst es mir nicht ständig unter die nase.
nur weil du einfach gekommen bist. von heut auf morgen.
ganz obligatorisch.

die schwester
aber das ist jetzt nicht der punkt.

der bruder
was ist der punkt also?

die schwester
beide sind wir am arsch.

der bruder
du bist so kalt.

die schwester
jahre schon drauf vorbereitet.
und jetzt tu nicht so. du auch.
hast noch nicht einmal geweint.

der bruder
ich weiß. weiß auch nicht was mit mir.
vielleicht weil ich wirklich damit.
viel früher schon damit gerechnet
und mich darauf eingestellt, dass wir sehr bald hier stehen.


INHALT

ein geschwisterpaar trauert. der bruder und die schwester sind konfrontiert mit dem tod der alkoholkranken mutter. schwer lastet der verlust auf ihnen. sie klagen sowohl die verstörte großmutter, als auch die zur verdrängung neigende großtante an.
ein sprachlich dichtes, rhythmisch exakt komponiertes stück, das mit dunklen worten und gedankenfetzen familiengeschichte und kindheit der beiden protagonisten verarbeitet.

es ist der erste dramatische versuch. das allererste stück, das die WIENER WORTSTAETTEN aufmerksam machte.

präsentiert am 02.03.2015 WIENER WORTSTAETTEN
frei zu UA

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Foto: @chuttersnap // Unsplash

Titelfoto: Thomas Picauly // Unsplash