wir gingen weil alle gingen.


                25. dezember. weihnachten 1989 verbrachten meine familie und ich nicht unter dem weihnachtsbaum, sondern vor dem fernseher, der seit ein paar tagen, seit ausbruch der revolution, ununterbrochen lief. ganz ungewöhnlich. früher gab es nur zwei stunden fernsehen pro tag. um acht sozialistische nachrichten, in denen der geliebte conducător im tiefsten bäuerlichen dialekt vom wohlstand und reichtum der sozialistischen republik rumänien berichtete. mit bildern von vollen theken und vollen bäuchen, dicken kühen und anständig arbeitenden bauern und arbeitern.
danach ein propagandistischer film oder ein theaterstück, und zu guter letzt die pathetische sozialistische hymne, die drei farben, ein mutiges volk und den durch fleißigen elan entstehenden sozialismus pries. nochmals nachrichten. danach schwarz. oder immer schwarz, wenn der geliebte conducător meinte mal wieder strom sparen zu müssen und gleichzeitig die wirtschaft durch kerzenkäufe ankurbelte. und hoffte so, bei kälte und romantischem kerzenschein, die rumänische bevölkerung verdoppeln zu können.

ganz anders aber im dezember 1989. tagelang bilder von buhenden menschen vor dem zentralkomitee. bilder von einem führer, der sein eigenes volk nicht mehr versteht. bilder von der mutter des volkes, die ihre kinder zum schweigen aufruft. bilder von einem hubschrauber, der sich erhebt kurz bevor die masse in das gebäude dringt und papier über papier durchwühlt und auf die straße wirft. bilder von einem alten paar, das aus einem panzer gezerrt wird. bilder vom alten paar in der ecke eines kleinen zimmers. bilder von der schreienden tobenden nationsmutter, die wütend auf den tisch haut. bilder vom alt gewordenen bauernsohn, der den kopf schüttelt. bilder vom meist gehassten paar, dem der prozess gemacht.

dem erstens genozid, zweitens unterwanderung des staates, drittens diebstahl öffentlicher vermögenswerte, viertens ruinieren der rumänischen volkswirtschaft und fünftens versuchte landesflucht vorgeworfen wird. strafe: exekution. schließlich wackelige bilder vom toten führerpaar. zwei leichen, die wie puppen in die kamera gehalten werden. freiheit.

            meine mutter weinte. das ganze land verbrachte jene tage vor dem fernseher und alle verstanden wir nicht was da passierte, was passieren wird. keiner ging mehr arbeiten, alle waren vor den fernsehern, gebannt, gefesselt, die nahende freiheit spürend. in den großen städten auf den straßen mit löchrigen fahnen.

meiner mutter schossen tränen in die augen. und ich weiß nicht, ob sie in jenem moment, wie all die anderen millionen rumänen vor freude weinte. oder vor trauer. trauer um diesen weißhaarigen mann, der dem land stolz gegeben und es gleichzeitig in den ruin getrieben hat. der ihr beinahe ein vierteljahrhundert all abendlich im fernsehen sagte alles sei fantastisch, obwohl es nicht so war. der jetzt leblos und mit offenen augen in die kamera glotzte und nichts mehr zu sagen hatte. oder vor trauer um ihr eigenes leben, das sie sich in neununddreißig jahren aufgebaut hatte, das mit dem tod der ceaușescus nun auch im sterben lag.

sie verließ das zimmer und ging hinunter in den garten. bevor sie das tat, sah sie meinen bruder liebevoll an und gab ihm einen kuss auf die stirn. mich nahm sie fest in den arm und flüsterte mir ins ohr: für euch.

ich verstand, was sie da sagte und verstand es doch nicht. ich verstand meine im garten stehende mutter nicht, die zum himmel hinaufsah und weinte. leise, nur für sich. und noch stundenlang unter dem großen nussbaum stand, lange nachdem mein vater meinen bruder und mich ins bett gebracht hatte.

(...)

schlaf!, sagte sie dann plötzlich zu mir. warum?, fragte ich, ich bin nicht müde.

- dann stell dich schlafend! ohne zu wissen warum, verstand ich am ton meiner mutter sofort, was sache war und tat wie mir befohlen. ich schlief tief und fest wie mein kleiner bruder. tat zumindest so. zwei schlafende kleine engelchen auf dem weg in den westen.

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