PROSA


dies datum. das grausam. grausam wie vor einem jahr.
als du hierher, hierher in das land deiner geburt. weil die frau, die dich geboren, die mutter, krank. sterbenskrank. und du nichts gesagt. und die freunde, mit denen du noch am wasser, sich gewundert. sie wird schon nicht. und die freunde sich gewundert, warum du plötzlich todesangst. muttertodesangst bekamst. und du weg. so schnell wie nur.
und du gefahren in das land deiner geburt. mit dem tod im kopf.

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                 schwarze dacia. ich war neun, lebte im besten land der welt und hatte keine ahnung von revolution. mein banknachbar hieß nicu und wir beide saßen in der ersten reihe direkt vor dem bild unseres lächelnden conducătors.

jeden morgen wenn unsere lehrerin das klassenzimmer betrat, standen wir alle wie kleine soldaten auf und salutierten guten morgen frau lehrerin! in unserem ostigen akzent. legten dabei die rechten kinderhände auf unsere herzen und sangen die patriotische sozialistische hymne. eine ewigkeit.

ich bewegte nur die lippen, denn mama sagte, die hymne sei idiotisch und ich solle sie nicht mitsingen. mama sagte auch der sozialismus, wie er in diesem land betrieben würde, sei schlecht. und dass die menschen nichts zu fressen hätten, während die erste schmalzlocke im staat mit goldenem besteck esse.
darum sah ich meine mama seit einiger zeit nicht mehr.

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auf dem fensterbrett schnee. der kein schnee. der eigentlich gefrorener regen.
der auf metall. kurz panik. weil da geräusche plötzlich. hinter der weißen tür. die flügelweiß.
vor angst ganz steif und tue schlafend. horche. minutenlang. ob da jemand.
öffne die augen, die fest geschlossen. ohne schlaf.
sehe einen schatten die flügeltüren auf. in meinem kopf.
nur ist da niemand.

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                 großmutter schließt die augen und schläft. das leben ist noch nicht entwichen. noch steckt es in der kleinen brust. die sich sanft kaum spürbar noch hebt und senkt. der tod streichelt ihr über den kopf. der tod ist mit mir in diesem kleinen zimmer. der tod sitzt am kopfende. ich sitze neben dem bett auf der anderen seite. der tod und ich sehen uns nicht an.

margeriten hat sie am liebsten. margeriten trinken wasser auf dem tisch am bettende.
ihre augen werden die margeriten nicht mehr sehen. ihre augen sind seit drei tagen geschlossen.
meine augen sind müde. meine augen sehen seit drei tagen keine träume. nur den morgen, der gerade draußen vor dem fenster anbricht. mein rücken ist krumm. mein körper verschoben. seit drei tagen und nächten warte ich im stuhl neben dem bett darauf, dass der tod mir gegenüber sie mitnimmt.

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                 25. dezember. weihnachten 1989 verbrachten meine familie und ich nicht unter dem weihnachtsbaum, sondern vor dem fernseher, der seit ein paar tagen, seit ausbruch der revolution, ununterbrochen lief. ganz ungewöhnlich. früher gab es nur zwei stunden fernsehen pro tag. um acht sozialistische nachrichten, in denen der geliebte conducător im tiefsten bäuerlichen dialekt vom wohlstand und reichtum der sozialistischen republik rumänien berichtete. mit bildern von vollen theken und vollen bäuchen, dicken kühen und anständig arbeitenden bauern und arbeitern.

danach ein propagandistischer film oder ein theaterstück, und zu guter letzt die pathetische sozialistische hymne, die drei farben, ein mutiges volk und den durch fleißigen elan entstehenden sozialismus pries. nochmals nachrichten. danach schwarz. oder

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er möchte. er möchte es. er möchte es so sehr. dieses gefühl. dieses gefühl jetzt es für immer. das für immer. für immer sein leben. jetzt. ab jetzt. bis zu seinem letzten atemzug. seinem letzten herzschlag. das.
dieses gefühl im jetzt aber nicht da. gerade nicht da. dieses gefühl. es möchte nicht. möchte nicht. möchte sich nicht einstellen. im herzen.
der kopf rechnet. berechnet, dass das jetzt gut. gut sein würde. in der zukunft. nur das herz. will nicht folgen. sträubt sich gegen den kopf. die kopfmaschine. die rechnet.
zwischen herz und kopf. da. die leitung kaputt. muss die leitung.

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der schuh liegt neben mir und lacht mich aus. seit stunden lieg ich hier auf dem boden. kalte kacheln in weiß und schwarz. mit dem weinen habe ich endlich aufgehört. die augen endlich leer. stehe auf. mit nur einem schuh. die kraft hatte gerade einmal gereicht für einen schuh.
habe den koffer in die wohnung gerollt. den einen schuh ausgezogen. und lag auf dem boden, bevor ich noch den anderen.
erbärmlich. du bist so erbärmlich.
bring dich doch einfach um.

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