Kategorie: PROSA

G

 

ein feuerzeug kratzt. kratzt. kratzt und flammt. in der flamme zischt das gas.
die zigarette, marke rote winston lang, brennt. sie bläst rauch aus ihrer lunge. hustet. raucht. während sie spricht. geht diese erste zigarette aus, zündet sie sich eine zweite an. eine dritte vielleicht.

stehe am balkon. stehe auf meinem leeren balkon und schau. schau die kinder spielen.
unten im hof. am spielplatz. spielen.
meine mädchen. meine zwei. bald junge frauen sie. sehe es in ihren gesichtern.
ich winke ihnen zu. sie winken zurück.
ich habe sie nicht geboren. die kinder meiner schwester. nenne sie schwester.
diese schwester habe ich mir ausgesucht.
die familienliebe mich ausgesucht. diese familie. wir uns gegenseitig ausgesucht. sind familie. nicht nachbarn. nicht mehr nachbarn nur. familie.
gehöre zu dieser familie. und diese familie gehört zu mir. ich habe familie hier.
hier in meinem innenhof.
wo ich seit 18 jahren lebe.

rauchen.

lebte.
auf dem herd in der küche steht der topf. noch.
das rindfleisch schäumte. das suppengemüse fein geschnitten. daneben.
ich liebte kochen. liebte es für meine familie zu kochen. diese familie. die ich mir ausgesucht. die familie, die mich ausgesucht.
täglich kochte ich. oder schwester. immer aßen wir zusammen.
die mädchen waren bei mir. immer bei mir, wenn sie krank und nicht zur schule und schwester in die arbeit.
stand am herd und kochte suppe. der tod bereits in mir.
im leben denkst du das leben ist ewig. nicht?

rauchen.

 mit 55 denkst du noch nicht an den tod. mit 55. geworden erst.
eine sehnsucht in dir. sich paart mit dem tod, der schon in dir. die sehnsucht nach dem tod mit dem tod in mir.
ein wenig auch. die angst. besonders nachts.
als die schmerzen größer. heftiger als die sehnsucht.
so schnell werde ich noch nicht sterben. nein. so schnell noch nicht.

rauchen.

bolovi.
bolovi.
bolovi.

hatte mich gewöhnt. doch an die schmerzen gewöhnt. immer schmerzen. seit jahren schmerzen.
wegen der schmerzen konnte ich nicht mehr arbeiten. früher. ja. früher habe ich überall gearbeitet. überall bedient. in restaurants in bars in wien. in wien überall. stand stunden auf den füßen. die schmerzten. putzte für verschiedene firmen. putzte in hotels.
schrubbte. wischte. im rücken. schmerzen.
beine. schmerzen. kopf. schmerzen.
magen.
hier.

rauchen.

die magenschmerzen waren immer schon. immer schon da. manchmal. heftiger. manchmal weniger.

rauchen.

im hof das kinderlachen. das schönste im leben. das herz kann voller wunden, voller narben. kinderlachen wie balsam für ein zerbrochenes, vernarbtes herz. das lachen. kinderlachen.
wenn sie hinfallen und weinen, trösten und lächeln, lachen. damit sie wieder lachen.
meine mädchen. die ich nicht geboren. werde ich in ihren herzen weiter
leben?

die gänge gelb. was ist das hier? wo bin ich? wo bin ich hier?
(verwirrt.) moja cerka. moja cerka. cerka. cerka. wo meine tocher?

meine tochter. ist schön.
so schön.
ich bin stolz.
habe ein mädchen geboren. war selbst ein mädchen noch. ein kind.
sechzehn jahre alt. und hielt mein mädchen auf den arm. hielt sie auf den arm wie eine puppe. meine mutter hat sie mir aus den händen genommen und für sich behalten. moja cerka.

blieb unten. bei der weißen kirche. bei meiner mutter mutterlos in serbien zurück. wo nicht weit die donau fließt. wo die donau granica.
und ich floss hinauf mit ihr. mit der donau hinauf. ein stück hinauf trieb es mich.
austrija. geh dorthin. dort hast du eine tante.

rauchen.

suchte nach liebe. und fand die liebe. und fand die liebe. und fand die liebe.
der erste fand woanders liebe dann. die erste scheidung.
der andere starb und machte mich zur witwe.
du bist der mond für mich. sagte der letzte. und schrie. und ich schrie. und er schrie.
schrien uns an. bis die nachbarn bis die polizei. mondliebe. und er dorthin zurück, wo er geboren. die papiere ich schon eingereicht als er noch neben mir träumte.

rauchen.

sage moja cerka nichts.

(verwirrt) welcher tag? heute? weihnachten. bolovi. bolovi.
sediert.

rauchen.

sie lebt in spanien. und ich habe enkel.
moja unuka i unuk ljubim jih punohvala druze

ich sehe sie auf fotos. im internet. so bin ich ihnen nah.
auf fotos meine tochter auch mir immer nah. gewesen.
frag nicht wer das auf den fotos. frag mich nicht. ich rede nicht mehr mit ihr. die suppe stand auf dem tisch. die mädchen schlürften.
nicht schlürfen. wir lachten. schwester kam herein. schwester hat einen schlüssel zu meiner wohnung. schwester sagte du siehst nicht gut aus.
ich sagte bolovi. im magen. schmerzen. zu fuß zum krankenhaus. das krankenhaus nicht weit von der wohnung. sie brachte mich dorthin.

und jetzt? wohin bringen sie mich jetzt?
palliativ. ich
sterbe noch nicht. noch nicht.

ich war immer gut angezogen. schöne kleider hatte ich. freute mich auf den frühling. auf den sommer. wo ich meine kleider endlich wieder anziehen konnte. mit den pumps. im museumsquartier bin ich spaziert. mit den mädchen im prater. immer gut angezogen. jetzt im pyjama. bitte nicht rauchen. ich muss rauchen. lasst mich rauchen. stehe draußen vor dem großen aschenbecher. nicht mein innenhof. nicht mein balkon.

rauchen.

schwester hat man angerufen um 5:30 uhr. in der früh manchmal. unter der woche bis in der früh haben wir gelacht. und waren laut. und haben uns geliebt. mein mond. weißt du noch? und haben uns angeschrien. an der tür der dumme nachbar. ich hab ihn angelacht. er hat nicht zurückgelacht. hab ich ihn ausgelacht. es stinkt nach rauch. ich rieche nichts. stinkst selber. aus dem mund stinkst du.
und die tür zugeschlagen. in der nacht habe ich schlaf gebraucht. aus rache spielte der nachbar laute musik. am wochenende. aus rache ja.
diesmal habe ich an seiner tür geschlagen. im bademantel an seine tür geschlagen. er jetzt mich ausgelacht.

müde. so müde. von diesen nachbarn.
jahre lebten wir nebeneinander. gut nebeneinander. sie auf der einen seite. ich auf der anderen seite.
meine familie lebt eine stiege weiter. porodica. die tante lebt in einem anderen bezirk. ich habe sie nur selten besucht. sie macht meinen kopf so wirr. sie redet so viel. zu viel. redet. redet. redet. so. redet sie. und redet. so. und redet. redet. unsinn manchmal. viel. erzählt über andere. erzählt, was man über mich erzählt. so schnell brauche ich keinen besuch.

(verwirrt) pav. pav. PAVILLON III. Pav III. tun. rett. ung. stomak. bolovi. srce.
ceznja. moja cerka.

spanien ist weit weg. mein zuhause weit weg. kann nicht zu fuß nach hause. lassen mich nicht mehr auf meinen balkon. höre die mädchen nicht lachen. hier lacht man selten. sie nehmen mir die angst. sie spritzen etwas. das nimmt die angst mir weg. das macht mich müde.

müde.

mädchen. wir machen ein picknick. lasst uns ein picknick machen. und packen aus den mohnstrudel. vergesst mich nicht wenn ich mal nicht mehr bin, meine mädchen. schaut nach den katzen. bitte. lasst sie nicht krepieren. sie schauen zuhause die ikonen an. die katzen sehen welche religion ich habe. zuhause. auf dem papier steht keine konfession. auf dem papier sieht man nicht die plastikblumen neben den ikonen.
ich werde nicht so ein schönes grab haben. auf meinem grab wird kein kreuz sein. kein grabstein aus marmor. kein bild von mir. habe schon einmal überlebt. man hat mir schon oft den bauch aufgeschnitten. mir die weiblichkeit herausgenommen. ich sterbe noch nicht.

habe die mädchen geliebt, wie die töchter, die ich nicht mehr gebären konnte. so sehr habe ich sie geliebt. schwester.

wo bist du, schwester? wo die mädchen? wo ist meine familie?
ich bin müde. sie spritzen hier die angst mir weg.

ein feuerzeug kratzt. kratzt. kratzt und flammt. in der flamme zischt das gas. die zigarette, marke rote winston lang, brennt. sie bläst rauch aus ihrer lunge. hustet nicht.

 

mein leben hörte auf. und ich war allein.
wo warst du, schwester? wo meine familie als mein leben aufhörte?
als ich im sarg lag. wochenlang. der im neuen jahr erst leise ohne viele worte hinabgelassen in mein grab.
die erde darauf ist hart. klumpen. mein name nur auf einem schild.
auf einem brett. ohne kreuz das grab. wie bei den anderen. vergessen.

wir danken der partei.


                 schwarze dacia. ich war neun, lebte im besten land der welt und hatte keine ahnung von revolution. mein banknachbar hieß nicu und wir beide saßen in der ersten reihe direkt vor dem bild unseres lächelnden conducătors.

jeden morgen wenn unsere lehrerin das klassenzimmer betrat, standen wir alle wie kleine soldaten auf und salutierten guten morgen frau lehrerin! in unserem ostigen akzent. legten dabei die rechten kinderhände auf unsere herzen und sangen die patriotische sozialistische hymne. eine ewigkeit.

ich bewegte nur die lippen, denn mama sagte, die hymne sei idiotisch und ich solle sie nicht mitsingen. mama sagte auch der sozialismus, wie er in diesem land betrieben würde, sei schlecht. und dass die menschen nichts zu fressen hätten, während die erste schmalzlocke im staat mit goldenem besteck esse.
darum sah ich meine mama seit einiger zeit nicht mehr.

wir waren gerade dabei polenta mit grünen bohnen zu essen, als es plötzlich laut an der tür unserer wohnung im dritten stock klopfte. drei männer standen im gang.
mama machte auf, wurde gleich von dem einen gepackt, der sie mit dem rücken zu sich drehte, ihre hände festhielt und sie abführte, während die anderen zwei wie traktoren vor unserer tür standen. stumm und böse ohne antworten.
ich rannte schnell zu unserem küchenfenster um einen blick auf meine mama zu erhaschen, die ohne jacke bei hohem schnee in eine schwarze dacia gezwängt wurde und verschwand.
papa, oma und ich verbrachten weihnachten ganz alleine. ohne mama.

immer wenn unser rotes telefon klingelte, sprang papa ganz nervös auf und hob den hörer von der gabel.
es war niemals mama, die anrief. nur der onkel, der fragte, ob mama wieder zurück sei.
nu, sagte papa dann immer und wurde traurig. trauriger als sonst.
seit dem besuch der drei männer konnte papa wegen dieser traurigkeit nicht mehr schlafen. ich auch nicht.

morgens sah ich unseren conducător nur noch mit halboffenen augen. nickte bei der hymne manchmal ein, sodass nicu mich mit einem stoß in die rippen wecken musste.
ich hatte angst sie würden auch papa mitnehmen. hatte angst ich müsste weihnachten alleine mit oma verbringen. aber die schwarze dacia kam nicht mehr. nur hörte ich seit mama weg war im telefon ganz oft ein klicken.oma nahm mir sofort den hörer aus den hand und legte auf, wenn ich nicu am telefon sagte, der sozialismus sei scheiße, weil er mir meine mama weggenommen hat.

meine noten wurden schlechter. obwohl ich genauso viel lernte wie früher. ich wollte, dass mama stolz ist, wenn sie wieder zurück. doch irgendwie konnte ich machen, was ich wollte, die frau lehrerin verlor ständig meine schularbeiten und in meinem notenbuch verschwanden die zehner. verwandelten sich auf einmal in vierer und dreier.
ich war nicht mehr der beste in der klasse und verstand es nicht. ich weinte mich in den schlaf und lag neben papa. da wo mama sonst immer geschlafen hatte.

                  deutschland. wir gingen auf die deutsche schule, weil wir deutsche waren. oma erzählte mir viel von diesem deutschland. sie war schon einmal dort gewesen.
das erste mal als sie so alt war wie ich. nur damals bedeckte deutschland beinahe den ganzen kontinent und hatte auch so einen führer wie wir. der hatte sich jedoch selber erschossen.
großmutter ist zwei jahre nach dem krieg wieder zurückgekehrt. nicht nach ungarn, zu dem unsere stadt damals gehörte, sondern in die volksrepublik rumänien. ganz groß wäre Republica Populară Română auf ihrem pass von damals gestanden, wenn sie einen gehabt hätte. jetzt lebten wir in einer sozialistischen republik. auf meinem pass stünde Republica Socialistă România. und er hätte keinen einzigen stempel drin.
ich war noch nie im ausland. im televizor sagte man das ausland sei voller imperialisten und kapitalisten. rumänien sei ein land dazwischen, sagte frau winter, unsere lehrerin.
ich musste sehr lange überlegen, was sie damit meinte, da um uns herum nur sozialistische bruderländer waren. vielleicht meinte sie mit kapitalisten ja die jugoslawen. die schienen ein bisschen freier zu sein als wir.

(...)

                  die partei. kurz nachdem der sozialismus mir meine mama genommen hatte, musste ich in der schule ein dummes gedicht lernen. dumm dachte ich, weil mama es bestimmt für dumm gehalten hätte. es ging so:

einst gab’s im land zu wenig brot
und viele kinder litten not.
das elend ist nun längst vorbei.
das danken wir unserer partei.

ich weigerte mich es auswendig zu lernen. dachte an mama und frau winter gab mir sowieso nur noch schlechte noten. hatte also folglich nichts zu verlieren.
richtig stolz nahm ich also die schlechteste note entgegen und fühlte mich revolutionär, obwohl ich nicht einmal wusste, was es bedeutete.

ich wurde zum direktor zitiert. in der klasse fühlte ich mich noch groß und stark. vor dem büro des direktors war ich ein kleiner wurm. ich saß auf dem schulgang und zitterte am ganzen körper. die anderen kinder zeigten auf mich und lachten. manche ältere schüttelten den kopf.
die bösen kinder zwinkerten und zeigten mit dem daumen nach oben. ich wollte nach hause. ich wollte zu meiner oma. nein, lieber zu mama.
der direktor kam mir hinter seinem schreibtisch riesig vor. im aschenbecher vor ihm glühte eine zigarette. er blickte mir tief in die augen. ich kam mir vor wie in einem agentenfilm.

warum willst du das gedicht nicht lernen?
ich schwieg, weil ich angst hatte, meiner mama würde etwas passieren, wenn ich sagte ich fände es dumm. außerdem war dieses gedicht gelogen. seit einiger zeit gab es nicht einmal mehr brot in den läden. und wenn doch, war es hart wie stein. das sagte ich ihm natürlich auch nicht. ich schwieg und schaute zu boden.

nach einer gefühlten ewigkeit sagte er schließlich:
du schreibst seit einiger zeit so schlechte noten. du warst doch einmal der beste der klasse.
- ich weiß nicht. frau winter...
was, frau winter?
- frau winter gibt mir so schlechte noten. ich...ich...lerne...viel...aber...weiß nicht...
stammelte ich und meine augen füllten sich mit tränen.

was arbeiten deine eltern?
- kombinat...papa arbeitet beim kombinat...
und deine mutter?

ich fing an zu weinen. hörte nicht mehr auf. der direktor nahm den telefonhörer in die hand und ich dachte, die männer kämen gleich um auch mich zu holen.

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mutterkörper. jedes leben einmal zu ende.


                  großmutter schließt die augen und schläft. das leben ist noch nicht entwichen. noch steckt es in der kleinen brust. die sich sanft kaum spürbar noch hebt und senkt. der tod streichelt ihr über den kopf. der tod ist mit mir in diesem kleinen zimmer. der tod sitzt am kopfende. ich sitze neben dem bett auf der anderen seite. der tod und ich sehen uns nicht an.

margeriten hat sie am liebsten. margeriten trinken wasser auf dem tisch am bettende.
ihre augen werden die margeriten nicht mehr sehen. ihre augen sind seit drei tagen geschlossen.
meine augen sind müde. meine augen sehen seit drei tagen keine träume. nur den morgen, der gerade draußen vor dem fenster anbricht. mein rücken ist krumm. mein körper verschoben. seit drei tagen und nächten warte ich im stuhl neben dem bett darauf, dass der tod mir gegenüber sie mitnimmt. nur das leben will sie noch nicht gehen lassen. friedlich sieht sie aus. ihr körper mit den jahren geschrumpft. das gesicht eingefallen.
ihre nase wirkt spitzer. auf ihrem kinn zähle ich sieben lange weiße haare. meine müden augen sie  übersehen als in meiner hand die pinzette. die haut im gesicht ist weich. ganz schlaff.

in diesem gebrechlichen körper vor mir ist meine mutter herangewachsen. die brüste, die meine mutter einmal genährt, nur noch zwei hautlappen auf dem bauch.
sie dachte schon lange an den tod. wir warten seit längerem gemeinsam auf ihn. jetzt streichelt er ihr über den kopf. und wird sie bald mitnehmen.

                  martha. ein einziges mal. ein einziges mal nur erzählte sie mir von martha. dem mädchen, das im weißen kleid auf vergilbtem papier neben ihr steht. wie zwei kleine bräute. zwei fromme mädchen, die den leib christi zum ersten mal auf ihren zungen.
im schwarzen album. großmutters schatz. ich schlug den schwarzen ledereinband auf und entdeckte das bild. erkannte sofort großmutters nase. fragte, wer das da neben ihr sei. martha, sagte meine großmutter.

martha hatte langes schwarzes haar und war sehr hager. sie war getauft. war ein christenkind. ich fragte, was mit martha passiert sei. großmutters augen wurden feucht. ihr mund begann zu zittern und fragte, ob ich nicht noch ein kompott. ich bekam kompott und vergaß den namen mit m.

erst nach großvaters tod hörte ich ihn wieder. als meine großmutter ihr schwarzes album hervor um zu weinen. sie erzählte mir von ihrer erstkommunion. sie erzählte mir von ihrer besten freundin. sie erzählte mir von martha. sie erzählte mir unsere geschichte.

(...)

als meine großmutter noch zur schule und mit martha in die kirche, herrschte frieden.
nur eines tages lernten die mädchen eine andere schrift. mussten in einer anderen schrift schreiben. und eines tages war meine großmutter eine schönheit und jeder musste so werden wie sie. blond und blauäugig.
eines tages war es egal, dass martha jeden sonntag in die kirche. eines tages schauten alle nur noch auf ihre nase. und lachten. zogen an ihren langen schwarzen haaren.
der zweite große krieg kam. die berge und das tal wurden einem anderen reich geschenkt. dem reich, denen sie einst gehört als die vorfahren unseres volkes aus dem westen hierher.

martha und meine großmutter hatten die sprache schon gekannt. diese eine sprache, die ganz anders als alle anderen sprachen, die auf unserem kontinent gesprochen. von nun an wurde nur noch diese sprache gesprochen. selbst zuhause. alles war nur noch magyarisch. als großmutters kleine schwester geboren wurde, durfte sie nicht erika heißen. in ihrer geburtsurkunde steht der name ildikó. ein magyarischer name. germanischen usprungs. der priester, der diesen namen ausgesucht, es nicht besser gewusst.

man wusste vom krieg. man spürte den krieg. doch die bomben flogen woanders.
es waren nicht die schreie der kleinen erika, die meine großmutter geweckt. eines nachts. es war ein zug, der mitten in der nacht in den bahnhof rollte. meine großmutter stand am fenster und beobachtete die menschen aus marthas viertel auf der straße. mit koffern in der hand standen sie dort und stiegen in die braunen waggons. meine großmutter erkannte martha auf der straße. meine großmutter wollte ihr zurufen. schreien. auf die straße rennen. spürte plötzlich die hand ihrer mutter auf ihrer schulter. das schütteln. dann im dunkeln spürte sie die ohrfeige bis ins knochenmark. willst sterben?
bis zum morgengrauen stand meine großmutter am fenster. bis sie den letzten viehwaggon nicht mehr sehen konnte.

meine großmutter blätterte die seite um. verstummte.
ich fragte sie wo martha denn hingefahren sei. ohne mich anzusehen sagte sie hart:
ins gas. und dann in den ofen.

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wir gingen weil alle gingen.


25. dezember. weihnachten 1989 verbrachten meine familie und ich nicht unter dem weihnachtsbaum, sondern vor dem fernseher, der seit ein paar tagen, seit ausbruch der revolution, ununterbrochen lief. ganz ungewöhnlich. früher gab es nur zwei stunden fernsehen pro tag. um acht sozialistische nachrichten, in denen der geliebte conducător im tiefsten bäuerlichen dialekt vom wohlstand und reichtum der sozialistischen republik rumänien berichtete. mit bildern von vollen theken und vollen bäuchen, dicken kühen und anständig arbeitenden bauern und arbeitern.
danach ein propagandistischer film oder ein theaterstück, und zu guter letzt die pathetische sozialistische hymne, die drei farben, ein mutiges volk und den durch fleißigen elan entstehenden sozialismus pries. nochmals nachrichten. danach schwarz. oder immer schwarz, wenn der geliebte conducător meinte mal wieder strom sparen zu müssen und gleichzeitig die wirtschaft durch kerzenkäufe ankurbelte. und hoffte so, bei kälte und romantischem kerzenschein, die rumänische bevölkerung verdoppeln zu können.

ganz anders aber im dezember 1989. tagelang bilder von buhenden menschen vor dem zentralkomitee. bilder von einem führer, der sein eigenes volk nicht mehr versteht. bilder von der mutter des volkes, die ihre kinder zum schweigen aufruft. bilder von einem hubschrauber, der sich erhebt kurz bevor die masse in das gebäude dringt und papier über papier durchwühlt und auf die straße wirft. bilder von einem alten paar, das aus einem panzer gezerrt wird. bilder vom alten paar in der ecke eines kleinen zimmers. bilder von der schreienden tobenden nationsmutter, die wütend auf den tisch haut. bilder vom alt gewordenen bauernsohn, der den kopf schüttelt. bilder vom meist gehassten paar, dem der prozess gemacht.

dem erstens genozid, zweitens unterwanderung des staates, drittens diebstahl öffentlicher vermögenswerte, viertens ruinieren der rumänischen volkswirtschaft und fünftens versuchte landesflucht vorgeworfen wird. strafe: exekution. schließlich wackelige bilder vom toten führerpaar. zwei leichen, die wie puppen in die kamera gehalten werden. freiheit.

            meine mutter weinte. das ganze land verbrachte jene tage vor dem fernseher und alle verstanden wir nicht was da passierte, was passieren wird. keiner ging mehr arbeiten, alle waren vor den fernsehern, gebannt, gefesselt, die nahende freiheit spürend. in den großen städten auf den straßen mit löchrigen fahnen.

meiner mutter schossen tränen in die augen. und ich weiß nicht, ob sie in jenem moment, wie all die anderen millionen rumänen vor freude weinte. oder vor trauer. trauer um diesen weißhaarigen mann, der dem land stolz gegeben und es gleichzeitig in den ruin getrieben hat. der ihr beinahe ein vierteljahrhundert all abendlich im fernsehen sagte alles sei fantastisch, obwohl es nicht so war. der jetzt leblos und mit offenen augen in die kamera glotzte und nichts mehr zu sagen hatte. oder vor trauer um ihr eigenes leben, das sie sich in neununddreißig jahren aufgebaut hatte, das mit dem tod der ceaușescus nun auch im sterben lag.

sie verließ das zimmer und ging hinunter in den garten. bevor sie das tat, sah sie meinen bruder liebevoll an und gab ihm einen kuss auf die stirn. mich nahm sie fest in den arm und flüsterte mir ins ohr: für euch.

ich verstand, was sie da sagte und verstand es doch nicht. ich verstand meine im garten stehende mutter nicht, die zum himmel hinaufsah und weinte. leise, nur für sich. und noch stundenlang unter dem großen nussbaum stand, lange nachdem mein vater meinen bruder und mich ins bett gebracht hatte.

(...)

schlaf!, sagte sie dann plötzlich zu mir. warum?, fragte ich, ich bin nicht müde.

- dann stell dich schlafend! ohne zu wissen warum, verstand ich am ton meiner mutter sofort, was sache war und tat wie mir befohlen. ich schlief tief und fest wie mein kleiner bruder. tat zumindest so. zwei schlafende kleine engelchen auf dem weg in den westen.

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sei nicht so dramatisch, perle.


dramatisch sei ich. sagen sie. dramatisch. ich solle nicht so dramatisch. sagen sie. und rollen mit den augen.
bin nicht dramatisch! schreie ich. schaue weg. empört. der körper folgt. verlässt mit mir den raum.
die tür empört sich auch. mit einem lauten knall.
war das jetzt dramatisch? zu dramatisch?
vielleicht. ja. und ein bisschen inszeniert. vielleicht. ja. das mache ich gerne.
auch im leben. mein leben inszeniere ich gerne manchmal auch.
schon meine geburt. vor meiner geburt schon um genau zu sein. ein bisschen inszeniert.
ein bisschen dramatisch.
der arzt sagte, das kind im bauch ginge von alleine weg, wenn die mutter sich jetzt nicht hinlege. einfach da liegen damit ich auch im bauch wachse.
und blieb im bauch. in dem eines tages pfirsiche.
an einem heißen sommertag. dreimal die sieben im datum an jenem tag.
diese mystische zahl. und pfirsiche. eine gute geschichte, die man eines tages erzählen könnt.
die pfirsiche wollte ich nicht. wollte unbedingt die drei siebenen im datum und fing schon mal mit meiner geburt an.
drei wochen vor dem geplanten termin. gegen den willen der mutter.
nach vier stunden dann das licht. der dramatische auftritt. ein kleiner mensch. nicht einmal drei kilogramm schwer. blau. der mutter entzogen. die dachte, ich sei tot.
den mund abgesaugt, beatmet. dann erst war ich richtig da.
das kind, das am gassentor am lautesten schrie wenn die eltern zur arbeit. im kindergarten am lautesten weinte wenn die große schwester zur schule.
mit dem schreien hörte ich in der schule auf. in der schule war nur noch das weinen.
das steht sogar in meinem ersten schulzeugnis. ehrlich.
mein weinen wurde ein stummes weinen. ein stummes weinen auf papier.
zwischen kind und erwachsen waren da plötzlich so viele gedanken. zu viele gedanken für den kopf.
ich nahm den stift in die hand und wurde sie los.
schrott aus der jugend. dunkle gedanken und ein immer schmerzendes herz. wirklich. immer.
hochdramatisch. doch noch kein drama.
der bezug zum drama kam erst mit dem spielen auf der bühne.
ich war der star der schule. in meinem kopf.
für schauspielschulen zu dramatisch.
schauspielschulen mich nicht auf die bühne. also versteckte ich mich dahinter dann.
und bereue nichts.
von dort aus sah ich verzweifelte schauspieler, die dinge taten, die sie nicht wollten, sah ich schauspielerinnen aus verzweiflung auf der bühne rohes fleisch essen. für ein engagement. aus dem dann doch nichts.
hinter der bühne war die macht. hinter der bühne wurde der kopf des intendanten knallrot und auf der bühne wurde das gemacht, was der rote kopf verlangte.
eines tages sagte der knallrote kopf zu mir, ich solle das nest verlassen. fliegen lernen.
gerne hätte ich das nest vollgeschissen. mit kunst vollgeschissen. nicht wie sie jetzt denken.
aber durfte nicht, denn der mächtige knallrote kopf wollte mir keine macht.
ich sollte fliegen, doch die flügel wurden mir gestutzt. gebrochen. ausgerissen regelrecht.
bevor ich endgültig das nest jedoch, schrieb ich tage und nächte. mit wenig schlaf im kopf und in den augen erwartete ich endlich anerkennung vom intendantenvater.
süß. sagte er. süß.
süß. süß.

süß.
ich verließ das nest. ohne großes drama.
wollte es vollscheißen. diesmal wirklich. braun dem intendanten auf den tisch.
stand plötzlich da. ohne bretter, die die welt. nahe der prostitution.
ehrlich. ja. jetzt schauen sie nicht so.
habe tatsächlich recherchiert wie viel jemand für eine stunde mit meinem körper zahlen würde. 170€ für die erste. jede weitere 140€. ernsthaft. doch soweit kam es nicht.
ein anruf kam dazwischen. und die bestätigung, dass mein geschriebenes doch nicht nur süß. dass talent doch darin.
ein anruf und die bestätigung durch eine frau mit knallroten haaren.
machten, dass meine finger nicht mehr mit dem tippen aufhören können.
gaben mir den mut mein geschriebenes nicht nur allein für mich.
meinen hang zum dramatischen, zum inszenieren, nicht mehr nur auf mein leben zu beschränken, sondern auch welten zu papier zu bringen. die dann schließlich auf der bühne zum leben erweckt.
ein unbeschreibliches gefühl. worte, die mir aus dem kopf zu papier, in den kopf des schauspielers. vom mund des schauspielers in die ohren der zuschauer.
unbeschreiblich.
figuren auf der bühne, die in meinem kopf entstanden. deren schicksal ich bestimmt.
die immer einen bezug zu meinem näheren umfeld. charakterzüge, verhaltensweisen, leben von menschen, die mir nahe.
darum leben die figuren auf dem papier bereits.
frauenfiguren immer stärker als die männer.
das sei interessant an meinem werk, wurde einmal gesagt. warum das denn so.
mag wohl an den starken frauen in meiner familie.
dem dramatischen leben meiner großmutter...
(nein. keine tränen jetzt. nein.). die verstorben.
deren hang zum drama. (entschuldigung..)
dem hang meiner mutter zum dramatischen. (noch mehr tränen. fantastisch.)
(durchatmen) ja.
darum mag wohl auch ich dramatisch sein. und ich darf. das habe ich endlich akzeptiert.
das gehört verdammt noch mal zu meinem job dazu.

ende juli. das sterben.


dies datum. das grausam. grausam wie vor einem jahr.
als du hierher, hierher in das land deiner geburt. weil die frau, die dich geboren, die mutter, krank. sterbenskrank. und du nichts gesagt. und die freunde, mit denen du noch am wasser, sich gewundert. sie wird schon nicht. und die freunde sich gewundert, warum du plötzlich todesangst. muttertodesangst bekamst. und du weg. so schnell wie nur.
und du gefahren in das land deiner geburt. mit dem tod im kopf.
warst doch vorbereitet. vorbereitet auf den muttertod. hast gedacht vorbereitet darauf zu sein. gedacht du würdest keine tränen. keine einzige würdest du. weil du oft daran gedacht. und innerlich du dich schon damit abgefunden.
nur. wenn der tod dann doch, so nah der tod, über der mutter. der tod so nah, die kehle sich zu. in der kehle die ganze zeit ein klumpen.
bliebst aber stark. vor ihr ganz stark. als du sie dort oben sitzen sahst. verkrümmt sitzen auf dem stuhl. die vielen kilometer mit der mutter und der muttertodesangst im auto. zurück, zurück in die neue heimat, in der noch zeit gekauft. zeit gespritzt. ein wenig gesundheit, die ja zeit. kostbare zeit. von der du nicht wusstest, wie viel davon. und du hofftest, dass wenigstens ein weihnachten. ein weihnachten noch. dass das letzte nicht das letzte. bitte, lieber gott, bitte, fingst du an zu beten. zu beten fingst du an und wandtest dich an deinen schöpfer, weil deine schöpferin im sterben.
bitte, bitte. noch ein wenig zeit.
wusstest, dass dir nur mehr ein paar letzte jahre bleiben und hattest erinnerungen noch, erinnerungen du gesammelt. weil der tod so nah.
dachtest du würdest nicht. würdest nicht weinen. nur heimlich. heimlich nur hast du geweint. immer wenn die türen hinter dir von ganz alleine zu als du aus dem krankenhaus. auf dem weg zum vater. vor dem du nicht geweint.
durch die erinnerungen und die letzten jahre du einen frieden in dir. jedoch im inneren, trotz des friedens, dein kinderherz, das erwachsen schon, zerbrechend. jeden tag ein stückchen mehr. und wusstest nicht, wie lange noch.
jetzt weißt du es. weißt genau wie lange es gewesen. wann der tod. wann sie neben dir den letzten lebenshauch.
jetzt weißt du es.
ein jahr nach deiner reise.
und blickst weinend auf den leeren stuhl.

nachtkopf.


auf dem fensterbrett schnee. der kein schnee. der eigentlich gefrorener regen.
der auf metall. kurz panik. weil da geräusche plötzlich. hinter der weißen tür. die flügelweiß.
vor angst ganz steif und tue schlafend. horche. minutenlang. ob da jemand.
öffne die augen, die fest geschlossen. ohne schlaf.
sehe einen schatten die flügeltüren auf. in meinem kopf.
nur ist da niemand.
das ohr horcht genauer. dann der kopf, der dem herzen sagt beruhige dich.
ist nur der schnee. das schneeeis auf dem fensterbrett.
mitten in der nacht. fast schon morgen.
ohne schlaf. weil im kopf wortgewirr. wirre gedanken. die den schlaf weggedacht.
ich rieche dich. gestern lagst du da. hier. neben mir. bist es noch. spüre deine haut auf meinen fingerkuppen. deine silhouette in den fingern. sie sich deinen körper gemerkt.
du jetzt mein herzmensch. merke ich. in der dunkelheit. im nachtkopf der gedanke plötzlich. und bin überrascht, dass da jetzt im herzen du.
obwohl dort kein platz.
der kopf gedacht, es sei kein platz. weil das herz so kleingequetscht.
vom tod ganz kleingequetscht. vom quetschen die ganzen tränen aus dem herzen in die augen. auf die gräber.
keinen kopf für gefühl. kein bedürfnis. weil der tod mir menschen gestohlen.
im gequetschten herzen nur trauer. als schmerzhaftes quetschen. das mit der zeit. nur langsam. nur ganz langsam sich gelöst.
als ich deine hand. als ich deine hand, fühlte ich das gequetsche nicht mehr.
fühlte nur das frei. und wundere mich jetzt wohin der ganze schmerz.
ersetzt von. das vertraut. das wertvoll. wert ist zu erkunden. wert zu sehen, ob vielleicht. ich will es nicht denken. nachtkopf. denk nicht dran. aber doch. vielleicht. wert zu denken bis zum tod.

kopfmaschine. herz.


er möchte. er möchte es. er möchte es so sehr. dieses gefühl. dieses gefühl jetzt es für immer. das für immer. für immer sein leben. jetzt. ab jetzt. bis zu seinem letzten atemzug. seinem letzten herzschlag. das.
dieses gefühl im jetzt aber nicht da. gerade nicht da. dieses gefühl. es möchte nicht. möchte nicht. möchte sich nicht einstellen. im herzen.
der kopf rechnet. berechnet, dass das jetzt gut. gut sein würde. in der zukunft. nur das herz. will nicht folgen. sträubt sich gegen den kopf. die kopfmaschine. die rechnet.
zwischen herz und kopf. da. die leitung kaputt. muss die leitung.
das herz. möchte nicht wie der kopf, der sagt, es wäre gut, wenn. wenn das herz ihm folgt. das herz nur verschließt sich. verkrüppelt.
möchte nicht wie der kopf.
an der leitung muss etwas. denkt der kopf. an der leitung etwas kaputt. die leitung vom kopf zum herzen. darum das herz so zu.
der kopf schickt ständig. signale. schickt ständig signale. mach auf. schickt der kopf. doch es bleibt zu. will nicht hören.
der kopf schon ganz verzweifelt. die leitung kaputt. muss kaputt.  die kopfmaschine rechnet. rechnet schöne zukunft.
das herz weiß es. weiß es schon ganz genau. die leitung nicht kaputt. die leitung da vom kopf zum herzen. nur will es davon nichts. davon nichts wissen. will es nicht. das herz mit seinem eigenleben.
öffnet einfach nicht. hört nicht.
der kopf. verzweifelt.
der kopf. versucht nicht aufzugeben.
der kopf. versucht nicht aufzugeben.
der kopf. versucht nicht aufzugeben.
der kopf. versucht nicht aufzugeben.
der kopf. gibt auf.
gibt immer auf. wenn das herz. wenn das herz etwas braucht. und die signale andersherum. vom herzen zum kopf. diese signale die wichtigen. diese signale dann per express. die kopfmaschine machtlos gegenüber dem herzen.
und die kopfmaschine weiß, sie hat es berechnet. sie weiß ganz sicher. ganz bestimmt nicht gut für sich. nicht gut für das herz. für alles nicht gut. wenn das herz nicht. umsonst das alles, wenn das herz nicht. halbherzig nur selten. und dann kein glück.
so kein glück.
der kopf weiß das herz sabotiert sich manchmal selbst. oft sogar. und selbst das herz weiß, dass das herz sich sabotiert. sich selbst sabotiert.
der kopf weiß aber auch, dass der kopf nur glücklich, wenn das herz auch.
und das herz weiß, wenn das herz glücklich. die kopfmaschine aufhört. aufhört zu rechnen.
und nur so. nur so ist es bis zu jenem punkt gut. bis zu jenem zeitpunkt, an dem die kopfmaschine aufhört zu rechnen. aufhört zu sein.
gut bis zu jenem punkt. bis zu jenem zeitpunkt, an dem das herz aufhört. aufhört zu schlagen. aufhört zu sein.
und im jetzt er sich ganz sicher, dass er zu jenem punkt. zu jenem zeitpunkt ganz sicher nicht allein. denn er weiß, er hat stets auf sein herz gehört.

das leben und die zitronen. oder so.


der schuh liegt neben mir und lacht mich aus. seit stunden lieg ich hier auf dem boden. kalte kacheln in weiß und schwarz. mit dem weinen habe ich endlich aufgehört. die augen endlich leer. stehe auf. mit nur einem schuh. die kraft hatte gerade einmal gereicht für einen schuh.
habe den koffer in die wohnung gerollt. den einen schuh ausgezogen. und lag auf dem boden, bevor ich noch den anderen.
erbärmlich. du bist so erbärmlich.
bring dich doch einfach um.
ja.
ja.
ich mache es.
ich bring mich um.
wie meine karriere. die jetzt tot in der ecke. neben meiner beziehung. erbärmlich. du bist so erbärmlich. nein. nicht schon wieder. heulen. und schon lieg ich wieder auf dem boden.
weil meine postings nicht mehr witzig. nicht mehr geil. nicht mehr edgy. ihr könnt mich mal.
weil ich mehr werbung. und nicht social media. geh ich halt in die werbung. die zahlen besser.
kündigungsfrist. meint ihr, ich arbeite noch einen tag länger in eurem saftladen?
sicher nicht. dachte ich. öffnete die nachrichten für die saftmarke. und begann mit dem sozialen scheißdreck.
nicht mehr so ganz unschuldig wie der name der marke schrieb ich der clara, die sich über ihren vergorenen smoothie aufregte, fick dich. nein. FICK DICH, schrieb ich. groß. weil großschreiben bei dieser marke nicht erwünscht. und weil man persönliche nachrichten nicht mehr löschen kann wie postings. FICK DICH. mit smiley dahinter. denn smileys sind auch verboten bei dieser marke.
sven hatte ein ganz tolles bild von sich und dem energie-smoothie geschickt.
lieber sven, das ist ja toll. ich hoffe dein mikropenis wird dadurch ein wenig größer, wenn du dir diese grüne grütze pürierten spinat hinter die binde kippst. erstick dran. und ja. plastikflaschen sind eigentlich schädlich für die umwelt. vergiss die automatisierte nachricht, die ich dir vor zwei wochen geschickt habe als du dich über unsere kleinen plastikflaschen aufgeregt hast.
lieber
liebe
lieber
liebe
liebe lieber
lieber nicht.
so ging das zwei stunden. ich lachte und trank die flasche rosé, die mein chef für besondere anlässe immer im kühlschrank. und besondere anlässe gab es immer. jedes brainstorming war ein fucking besonderer anlass. denn kreative hirne einer kreativagentur brauchten alkohol für die kreativität.
geht’s dir gut? ja. voll. mir geht’s super. nur die tatsache, dass ich seit ungefähr einem halben jahr keinen sex mehr hatte und beim letzten gespräch mit meinem freund meine zukunft gegen die wand gefahren ist, belastet mich ein wenig. ebenso vielleicht auch ein klein wenig die tatsache, dass du letzte woche meiner praktikantin meinen job angeboten hast. und mich jetzt durch diese bloggerin ersetzen willst.
lies dir bitte mal die nachrichten der letzten zwei stunden durch. ich bin dann weg.
der chefkopf wurde knallrot und ich ging. lachend. mit großem knall.
julia, kann ich heute nacht bei dir pennen? und für die nächsten monate gleich bei dir einziehen?
– was? wieso?
ich verlasse peter.
– was?
ja. frag nicht. ich verlasse peter. packe meine sachen. hab ja deinen schlüssel.
– alles klar. ja. ja. ok.
und noch was.
– was?
ich hab gekündigt. glaube ich.
– wie. was?
bis später!
ich legte auf. ging in die wohnung, in die ich vor einem halben jahr gezogen war. die sexlose wohnung. weil der freund mit sich selbst nicht im reinen.
heiraten. schwule sollten nicht heiraten. kinder? nein. das ist so heteronormativ.
– bitte?
ja.
der koffer stand gepackt im wohnzimmer, das bald nicht mehr mein wohnzimmer. die halbe flasche wein schon in meinem kopf. peter ahnte es schon am telefon. der koffer keine überraschung für ihn. es machte mich wahnsinnig. er fing nicht an zu weinen. nur eine letzte umarmung. kein letzter kuss. dann schloss ich die tür hinter mir. und lag in julias küche. ohne zukunft. fühlte mich wie dresden. 1945.
umbringen. ja. stehe am fenster. den dummen schuh in der hand. öffne es. blicke hinaus. lächele der nachbarin im haus gegenüber zu. sie ignoriert mich. du postet auch sicher nur beschissenes zeug auf irgendwelche pinnwände. ich lehne mich weit nach draußen.
spring.
spring.
jetzt. komm.
spring.
ich lasse den schuh los. er fällt. ist gleich am boden. weil erdgeschoss. also genickbrechen ist hier nicht. wenn ich glück habe vielleicht meinen fuß. den fuß brechen? als ausgleich zum herz.
du bist erbärmlich.
wieso tut es eigentlich so weh? das alles. hier drinnen? jetzt?
ich habe mich doch dafür entschieden. für alles zu ende entschieden.
das war doch mein wunsch. wo bleibt die befreiung? dieses gefühl von ich kann jetzt alles. alles neu.
wo? komm schon. leben. hab ich jetzt eigentlich zitronen vom leben bekommen oder sie mir selbst vom baum gepflückt? ich bin doch auf die leiter und hab mir die zitronen runter. weil ich keine lust mehr auf saft. und viel lieber limonade jetzt. da werde ich doch jetzt bitteschön hoffen können.
gut. alle perspektiven weg. jetzt. alle gestrichen von der liste.
traumjob. weg.
traummann. weg.
nach dem ganzen desaster mit dem abschluss ein traum gleich diesen job. das wollte ich. genau das. in so einer agentur. und war doch glücklich. oder nicht? wirklich jetzt? warst du das? warst du wirklich glücklich? oder nur die ganze zeit betrunken? und dieser kerl. mal ganz ehrlich. glücklich warst du schon lange nicht mehr. du willst nicht mal ne große hochzeit. es ging dir nicht mal um romantik. es ging dir lediglich um sicherheit. und ja. irgendwann willst du kinder. das willst du dir doch nicht nehmen lassen. noch nicht. nicht bevor du ende dreißig. bis dahin hoffst du noch.
die tür geht auf. julia stürmt in die küche.
ich umarm dich jetzt nicht.
gut so. sie kennt mich viel zu gut. sieht an meinen roten augen und den heulflecken auf meiner stirn, dass eine berührung von ihr und ich wieder auf dem boden. wir sitzen schweigend am tisch. du bist so krass.
– ich weiß.

beziehungen sind doch für’n arsch.
– ja. schon. aber manchmal schön.
was war denn im letzten halben jahr schön bei euch?
– der urlaub. der war schön. irgendwie. bis zu der einen nacht, in der ich zu viel lambrusco und zu viel über das heiraten gesprochen.
junge. du warst unglücklich.
– ja. war ich.
lass uns wegziehen.
– wohin?
weg.
– und dein job?
ich find schon einen anderen. hab da eine geile idee. richtig edgy. ich verspüre den drang ihr eine ohrfeige zu verpassen.
nein. im ernst. das ist die idee.
– ok.
und bist bist dabei. perfektes timing. und in drei jahren machen wir ein kind.
– ernsthaft?
ja. ich hab keinen bock mehr auf suche nach der großen liebe. ich nehm mein leben jetzt in die hand. unser leben.
– du hast doch gesagt…
halt einfach die klappe.
eine weile sitzen wir so da. und schweigen. stoßen dann auf unser leben an. das schön.